#️⃣ #Jugend #Konfi26 #Kirchgeld #NeueTelefonNummern
Muenchen-Bouwmeester
Interview mit Anne Bouwmeester in der Reihe „Menschen im Ehrenamt“
abgedruckt im Gemeindebrief 1/2026, erschienen im Dezember 2025.
Pfarrerin Sonja Simonsen im Gespräch mit Anne Bouwmeester. München, 16. Oktober 2025
Simonsen: Lieber Anne, Du bist hörend, kannst aber fließend gebärden. Woher kommt das?
Bouwmeester: Ich bin in Holland zur Zeit des 2. Weltkriegs geboren und hatte zwei gehörlose Brüder. Der eine war drei, der andere sechs Jahre älter als ich. Die Gehörlosenschule war damals von den Deutschen besetzt, darum waren meine Brüder zuhause. Meine erste Sprache war die Gebärdensprache. Als der Krieg vorbei war, mussten meine Brüder ins Internat. Zum Glück durften die Kinder dort gebärden! Trotzdem fiel meinen Brüdern der Abschied von zuhause oft schwer. Erst als die beiden weg waren, habe ich angefangen zu sprechen - ich war schon über zwei Jahre alt.
Zu meinem Verwandtenkreis gehören zehn bis fünfzehn gehörlose Personen. Gehörlos zu sein habe ich nie als Handicap gesehen. Ja, ich habe meinen Brüdern manchmal die Spielregeln erklärt, wenn wir zusammen mit hörenden Kindern spielten. Aber sonst? Ich war immer sehr stolz auf sie! Ich habe gesehen, dass die Gehörlosen ihre eigenen Turniere und andere Veranstaltungen organisiert haben; das fand ich super.
Als ich später Gehörlosenlehrer war, fiel auf, dass ich eine ganz andere Perspektive auf die Gehörlosenwelt und den gehörlosen Menschen hatte als meine Kollegen. Ich habe mich immer als Verbündeter an der Seite der Gehörlosen gesehen. In meine Lebenszeit fiel der Kampf für die Anerkennung der Gebärdensprache. Als Gehörlosenlehrer nicht immer einfach. Mir war klar: Es geht nicht nur um die Sprache, sondern darum, dass Hörende und Gehörlose auf Augenhöhe miteinander umgehen.
Simonsen: Vor ca. 20 Jahren hast Du den Münchner Besuchsdienst gegründet. Warum?
Bouwmeester: Es fing damit an, dass ich mir überlegt habe, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, wenn ich in Rente bin. Ich habe Conny Wolf gesagt, dass ich ihr für einen Tag in der Woche meine Arbeitskraft zur Verfügung stelle. Conny hat mich dann zu einer Besprechung im GMU (Gehörlosenverband München und Umland e.V.) mitgenommen. Da hat eine gehörlose Sozialarbeiterin gesagt: „Wir brauchen einen Besuchsdienst.“ Mit dieser Idee bin ich nach Hause gegangen. Ich habe eine Nacht drüber geschlafen, dann habe ich Conny gesagt: “Ich mache das!“
In Februar 2008 ging es dann los. Beim ersten Treffen waren viele Leute da. Wir haben zwei Listen gemacht, eine für Besucher und eine für Besuchte. Bei vielen Gelegenheiten habe ich im GMU gesprochen und habe die Menschen sensibilisiert: „Wenn gehörlose Freunde nicht mehr kommen, gebt bitte dem Besuchsdienst Bescheid!“ Ein Flyer wurde gemacht und an viele Einrichtungen verschickt.
Immer öfter wurde ich auch von Krankenhäusern angerufen, wenn gehörlose Patienten auf Station waren. Letzten Endes waren es locker zwei Tage die Woche, die ich investiert habe. Conny und ich haben dann auch die Reise nach “De Gelderhorst“ (Nationales Zentrum für gehörlose Senioren in den Niederlanden) organisiert. Die deutschen Gehörlosen konnten sehen, dass diese Einrichtung wirklich toll gemacht ist.
Als Koordinator des Münchner Besuchsdienstes hatte ich viel zu tun: Vorgespräche mit neuen Besuchern, die Abende mit den Ehrenamtlichen vorbereiten und andere Aufgaben. Nach fünf Jahren habe ich gedacht: Eigentlich will ich mehr Zeit für Besuche haben. Darum habe ich die Leitung des Besuchsdienstes abgegeben. Heute ist Caro Jonas die Koordinatorin – darüber bin ich sehr froh.
Schade finde ich, dass es nach wie vor kein Kompetenzzentrum für gehörlose Senioren in München gibt. Ich habe damals viel Zeit investiert, um mit einer Arbeitsgruppe ein Konzept dafür auszuarbeiten. Mehrfach haben wir Anträge an die Stadt, den Bezirk und den Freistaat Bayern gerichtet. Irgendwann hieß es: Jetzt kommt das Kompetenzzentrum. Da habe ich mich gefreut! Leider handelte es sich um ein Missverständnis. Das Kompetenzzentrum kam bis jetzt nicht zustande.
Bis heute mache ich viele Besuche in München. Manche Menschen besuche ich wöchentlich, andere einmal im Monat. Gehörlose, die nicht mehr mobil sind, sind aufgeschmissen. Ohne Kontakt zur Gemeinschaft gibt es keine Kommunikation, keine (emotionale) Unterstützung. Die Verbindung zur Außenwelt reißt schnell ab. Wenn Besuch kommt, blühen die Menschen auf. Manchmal können wir auch eine Verbesserung der Lebensumstände erwirken. Ich erinnere mich gerne daran, wie wir für eine gehörlose Person, die im Rollstuhl sitzt, eine neue barrierefreie Wohnung im Erdgeschoss bekommen haben. Ein Bericht bei „Sehen statt Hören“ hat den Anstoß gegeben. Grundsätzlich kämpfe ich dafür, dass Gehörlose nicht bevormundet werden, sondern selbst entscheiden, wo und wie sie leben.
Simonsen: Du kennst Dich sehr gut in der Bibel aus und weißt viel über die Geschichte der Kirche. Wo hast Du das alles gelernt?
Bouwmeester: Ich bin ja im Calvinismus aufgewachsen (protestantische Glaubensrichtung nach den Lehren des Johannes Calvin, Theologe und Reformator). Meine Kirche heißt Nederlandse Hervormde Kerk (= Niederländisch-reformierte Kirche). Vom Kindergarten bis über die sechsjährige Grundschule: Jeden Morgen gab es eine Bibelgeschichte. Schon mit zwölf Jahren kannte ich die meisten Geschichten. Mein Vater hat jeden Mittag aus der Kinderbibel vorgelesen, später aus der Übersetzung für Erwachsene. Im Gymnasium gab es zwar nur eine Stunde Religionsunterricht in der Woche, aber ich war jeden Sonntag in der Sonntagsschule und habe diese später auch selbst geleitet.
Mit ca. fünfzehn Jahren hatte ich eine Glaubenskrise. Ich wusste nicht, wie ich die Texte der Bibel mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild zusammenbringen soll. Dann habe ich viele theologische Bücher gelesen. Ich habe mich mit der modernen Bibelforschung auseinandergesetzt und mich im Selbststudium weitergebildet. Zum Beispiel habe ich verstanden, dass das Buch Genesis (1. Buch Mose) aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurde. Es kann nicht darum gehen zu beweisen: „Die Bibel hat doch recht!“ Das halte ich für Unsinn.
Dagegen bin ich bis heute überzeugt davon, dass die biblischen Texte und Geschichten einen ganz eigenen Wert haben und ein großer Gewinn für unser Leben sein können. Außerdem besuchte ich eine christliche pädagogische Hochschule, wo wir zusätzlich ausgebildet wurden, um Religionsunterricht an der Grundschule halten zu können.
In Holland gab es damals eine kirchliche Schule für Gehörlose, sie hieß Effata (= „Öffne Dich“, siehe Markus 7,31-37). Einige der Lehrer haben Gottesdienste für Gehörlose gehalten. Die wussten, dass ich im Norden bin und haben mich mit den Gottesdiensten für das Gebiet beauftragt. Später hat die Kirche die Verantwortung für diese Gottesdienste übernommen. Die drei protestantischen Kirchen in Holland sind damals getrennte Wege gegangen und haben nicht zusammengearbeitet. Aber für die Gehörlosenseelsorge haben sie sich zusammengetan.
Für ganz Holland gab es nur drei Pastoren, aus jeder protestantischen Kirche einen – viel zu wenig! Die Prädikanten haben unterstützt; ich war einer davon. An einem Wochenendseminar unter Kollegen habe ich angeregt, dass wir über neue Theologie sprechen. Es stellte sich aber damals heraus, dass viele nicht über den Tellerrand ihres konservativen Weltbilds hinausschauen wollten oder konnten.
Für die Gottesdienste bin ich durchs ganze Land gereist, auch bis nach Amsterdam - das war weit. Die Gehörlosen haben gesagt: „Deine Predigten sind anders.“ Ich denke, es lag an meinem familiären Hintergrund, meiner Perspektive und meiner sprachlichen Kompetenz.
Prägend war für mich auch eine Jugendgruppe: „Jugend und Evangelium“. Wir haben viel diskutiert. Und im Winterhalbjahr hatten wir Katechismus-Unterricht. Zeitweise bin ich zu zwei Pastoren gegangen: Einem konservativen und einem progressiven. Da konnte ich gut vergleichen. Von den theologischen Autoren haben mich geprägt: Dorothee Sölle, Edward Schillebeeckx, Karl Barth, Hans Küng, H.M. van de Poll, Pinchas Lapide, H.M. Kuitert usw.
Simonsen: Die Münchner Gemeinde kennt Dich seit vielen Jahren. Immer wieder hältst du spannende und anspruchsvolle Predigten. Woher nimmst Du Deine Ideen? Wie entstehen Deine Predigten?
Bouwmeester: Oft läuft es so, dass ich mit Gehörlosen diskutiere und dabei auf Themen stoße, über die ich predigen möchte. Es kann mal um die Schöpfungsgeschichte gehen oder die Erzählung von der Arche Noah. Aber am wichtigsten ist mir, dass unsere Lebenswelt in der Predigt vorkommt. Ich finde aktuelle Themen aus Politik und Weltgeschehen beim Zeitungslesen. Und ich interessiere mich immer dafür, um was es in der Gehörlosengemeinschaft gerade so geht. Fürs Predigtschreiben nutze ich eine Bibel mit sechs verschiedenen Übersetzungen. Da vergleiche ich die Texte und finde die wichtigen Wörter, an denen sich die Geister scheiden. Natürlich habe ich auch ein dickes Lexikon zur Bibel, in dem ich Schlüsselbegriffe nachschlagen kann.
Simonsen: Wie feierst Du Weihnachten?
Bouwmeester: Im Dezember zünden wir zuhause den Adventskranz an und hören viel Musik. Mit meiner Tochter in Holland habe ich eine schöne Tradition: Ich schicke ihr immer einen Adventskalender von Playmobil und habe für mich selbst auch einen. Jeden Tag öffnen wir ein Türchen und tauschen uns darüber aus, wie schön die kleinen Spielsachen sind. In der Advents- und Weihnachtszeit sind für meine Frau die Kantaten von Johann Sebastian Bach sehr wichtig. Wir hören sie jeden Sonntag im Radio, aber ich habe natürlich auch jedes Werk auf CD – in mindestens fünf verschiedenen Aufführungen. Ohne Weihnachtsoratorium geht es bei uns nicht. Gerne besuche ich die Weihnachtsfeiern der Gehörlosengemeinschaft, zum Beispiel Taubblinden-Treff, Senioren-Treff und natürlich die EGG-Weihnachtsfeier. Im GMU gibt es an Heiligabend eine Veranstaltung für Alleinstehende. Da habe ich ein Ritual fest installiert: Ich gebärde für die Menschen das Weihnachtsevangelium und dann eine andere stimmungsvolle Geschichte – ich finde immer etwas Schönes. Und natürlich gebärden wir Weihnachtslieder zusammen.
In Holland ist der Heiligabend ein Arbeitstag; er spielt keine so große Rolle. Ich koche meist einen Auflauf für meine Frau und mich und wir laden gern jemanden ein, der keine Familie hat. Eigentlich ist es abgemacht, dass wir uns an Weihnachten nichts schenken, aber ich habe immer etwas Kleines vorbereitet, falls meine Frau doch ein Geschenk für mich hat. An einem der Weihnachtstage gehen wir auch in den Gottesdienst. Mein schönster Weihnachtsschmuck ist ein Barock-Orchester von Grünhainichener Engeln. Ich stelle mir immer vor, dass die das Weihnachtsoratorium spielen.
Simonsen: Was wünschst Du der EGG für die Zukunft?
Bouwmeester: Manchmal habe ich das Gefühl oder besser gesagt die Sorge, dass manche Gehörlosen die Gemeinde als Verein sehen. Das ist sie nicht! Die EGG muss immer offenbleiben, das ist wichtig. Wir sagen nicht: „Du gehörst dazu und du nicht.“ Das Zusammensein mit den Menschen und den Zusammenhalt in der Gemeinde schätze ich sehr. Noch heute erinnere ich mich gut daran, wie ich zum ersten Mal einen Gebärdenchor im Gottesdienst erlebt habe. Das hat mich sehr berührt. Dem Gemeindeteil München und Umland wünsche ich, dass er seinen Platz und Stellenwert im Ganzen der bayernweiten EGG behält. Ich wünsche mir, dass München auch im Kirchenvorstand gut vertreten ist. Über unsere acht Konfis freue ich mich sehr! Ich hoffe, dass die neue Generation Anschluss findet, andockt und bleibt.









